Hugo schrieb am 6. Juni 2016

Technik zum Anfassen in Pütnitz

Technik zum Anfassen erlebte unsere Reisebloggerin Anja auf dem ehemals streng bewachten Militärflugplatz in Pütnitz. In drei denkmalgeschützten Flugzeughallen lernte sie, wie spannend Ausflüge in die Technik sein können, ließ sich von der Fahrzeug- und Flugtechnik des ehemaligen Ostblocks beeindrucken und legte sogar selber Hand an riesige Militärfahrzeuge.

Frauen und Technik – in meinem Fall keine ideale Kombination. Seit meinen kläglichen Versuchen im Physikkurs bei meiner Lehrerin Frau Maiwald, die mich in der neunten Klasse als technisches Embryo bezeichnete und mich stets mit einer besonderen Mischung aus Mitleid und leichter Verzweiflung anschaute, stehe ich mit allen Technikfragen auf Kriegsfuß. Gebrauchsanweisungen treiben mich regelmäßig in den Wahnsinn und von meinen Fahrkünsten mit dem Auto will ich lieber erst gar nicht anfangen.

Dementsprechend war ich zunächst einmal eingeschüchtert, als ich auf den alten Flughafen in Pütnitz fuhr, auf dem der Technikverein Pütnitz untergebracht ist. An den riesigen Hangars bröckelte der Putz und Aufschriften in kyrillischer Schrift erinnerten an längst vergangene Zeiten als das Gelände ein streng bewachter Militärflugplatz war.

Fahrzeugtechnik des Ostblocks © TMV/happybackpacker.de

Fahrzeugtechnik des Ostblocks © TMV/happybackpacker.de

Zu DDR-Zeiten stationierten nämlich die Sowjetischen Streitkräfte verschiedene Einheiten der 16. Luftarmee am Pütnitzer Flughafen mit rund 7.000 Militärangehörigen, die in ihrer ganz eigenen Welt lebten. Es gab eine eigene Schule, ein Krankenhaus, eine Bank und einen Konsum für die Militärs und ihre Familien, denen es nur selten gestattet war, das Gelände zu verlassen. Innerhalb der Luftstreitkräfte der Sowjetunion bildete die 16. Luftarmee den größten operativen Truppenverband und verfügte daher über die modernsten Waffensysteme der Sowjetunion. Die Verbände wurden nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis 1994 aus Deutschland abgezogen und ließen ihre beeindruckende Fahrzeug- und Flugtechnik größtenteils vor Ort, da dafür nun keine Verwendung mehr war. Vergessen verrottete die alte Technik oder wurde in Einzelstücke zerlegt und an Privatleute verkauft, die die wertvollen Teile ihrem Schicksal überließen.

 

Oldtimer-Fans aufgepasst

Seit dem Jahr 2001 engagiert sich der Technikverein Pütnitz in drei denkmalgeschützten Flugzeughallen für die Erhaltung der alten Fahrzeuge aus dem ehemaligen Ostblock und trägt mit viel Herzblut und Eigeninitiative dazu bei, dass aus alten Schmuckstücken liebevoll gepflegte Oldtimer werden. In mühevoller Kleinarbeit restaurieren sie schrittweise die Ausstellungsstücke, führen Technikbegeisterte über das Gelände und tragen dazu bei, dass dieser Teil der Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.

Auf einer Hallenfläche von etwa 12.000 Quadratmetern können über 500 Fahrzeuge und Fluggeräte  bestaunt werden. Der Rundgang durch die Hallen war für mich wie eine Reise in meine Vergangenheit. Trabant, Wartburg, Barkas, Moskwitsch – alles Autos, die auf den Straßen der DDR den Alltag prägten oder in der Miniatur-Autosammlung meines Bruders nicht fehlen durften. Liebevoll und farbenfroh restauriert standen sie dort in Reih und Glied und schienen jederzeit bereit, wieder auf große Fahrt zu gehen.

Marko Stahlberg, ein engagierter Freiwilliger aus der Region, der mich über das Gelände führte, betonte, dass viele Exponate in der Tat voll funktionstüchtig seien. So stand in einer der Flugzeughallen ein Militär-Hubschrauber, der Mi 8, der auf eindrucksvolle Weise in Betrieb genommen werden kann. Mit krachender Lautstärke und viel Wind setzten sich die Rotorblätter in Bewegung, und ich erwartete jeden Moment, dass der Hubschrauber durch die Decke abhob. Vorsichtshalber nahm ich etwas Abstand und suchte Schutz hinter einem Panzer. Wie ironisch, dachte ich mir.

Restaurierter Trabant © TMV/happybackbacker.de

 

Schon mal einen russischen LKW gefahren?

Das eigentliche Highlight für mich war jedoch die Möglichkeit, selber diese schwere Technik auszuprobieren. Als Marko Stahlberg mir anbot, das Steuer eines 180 PS starken Urals zu übernehmen blieb mir die Luft weg. Vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, ihm von meinem letzten Manövrierunfall im Parkhaus zu erzählen und wie ich auf einer Absperrung mit einem winzig kleinen Auto hängen blieb, überlegte ich kurz. Immerhin würden wir ja auch über einen eigens dafür angelegten Parcours fahren und zumindest dieses Mal andere Autos von meinen Fahrkünsten verschont bleiben.

Der Uralski Awtomobilny Sawod, kurz als Ural bekannt, gilt als einer der größten Hersteller von schweren Nutzfahrzeugen in Russland und ist ein regelrechtes Monster. Nahezu unkaputtbar, allradbetrieben, 14 Tonnen schwer und mit drei permanent angetriebenen Achsen. Ich ließ den Motor aufheulen und tastete mich zaghaft an den Parcours heran. Laut und schwer fuhr er das Gelände ab, wackelte und wankte wie auf einem Schiff und meine Nerven lagen blank. Erst nach ein paar Minuten entspannte ich und fand Gefallen daran: Ein Mörder-Spaß. Wie ein kleiner Junge, der mit seinen zu Lebensgröße erwachten Spielzeugautos spielen durfte, juchzte und jauchzte ich und wollte nicht mehr aussteigen. So ein Riesen-LKW kann süchtig machen.

Ural © TMV/happybackpacker.de

Ural © TMV/happybackpacker.de

 

Wenn Panzer baden gehen

Ebenso stehen ein 18-Meter-Gelenkbus und ein Amphibienfahrzeug für Rundfahrten bereit. „Amphibien-was,“ war meine erste Frage. Marko erklärte geduldig, dass es sich dabei um den Schwimmwagen PTS-M handelt, einem ungepanzerten Vollkettenfahrzeug, das sowohl auf dem Land als auch auf der Wasseroberfläche fahren kann. Eine PTS-M war in der Lage, den LKW Ural, den ich gerade zuvor noch gesteuert hatte, oder eine Kompanie Soldaten von 70 Mann mit voller Ausrüstung überzusetzen.

Der auf 350 PS leistungsreduzierte Panzermotor zuckelte ab wie eine Rakete und fuhr in einer beeindruckenden Geschwindigkeit in Richtung Saaler Bodden. Zuerst schaute ich mir das Spektakel durch eine Luke vom Dach des Panzers aus an und kletterte dann in das Innere des Wagens hinein. Fasziniert starrte ich Marko bei der Arbeit zu, wie er das Ungetüm wie einen Transformer krakenartig steuerte und seine Runden im Wasser drehte. Ein Gefühl wie einem Endzeitfilm und ich mittendrin.

Ich konnte selber nicht glauben, wie viel Spaß das Panzerfahren brachte und grinste die ganze Zeit über als sei ich gerade Bungee gesprungen, obwohl ich anfangs noch skeptisch dachte, dass Panzer fahren nur etwas für große Jungs sei. Allerdings empfand ich gleichzeitig auch eine bedrückende Traurigkeit in mir angesichts der Kreativität und der Mittel, die die Menschheit freigesetzt hatte, um derartige Tötungsmaschinen zu bauen.

Glücklicherweise ist der Kalte Krieg lange vorbei und die ehemaligen Militär-Fahrzeuge werden im Technikmuseum Pütnitz nur noch zu geschichtlichen Zwecken ausgestellt beziehungsweise gefahren, doch in vielen Ländern dieser Welt gehören solche Kriegsgeräte auch heute noch zum Straßenbild dazu.

Vollkettenfahrzeug PTS-M © TMV/happybackpacker.de

Vollkettenfahrzeug PTS-M © TMV/happybackpacker.de

Ebenso hat es sich der Verein auf seine Fahnen geschrieben, Technik verständlich und lebensecht zu erklären. So werden etwa Getriebe von innen gezeigt oder erklärt, wie ein Verbrennungs­motor arbeitet.

Alljährliches Highlight ist das sogenannte Ostblocktreffen, das dieses Jahr zum 15. mal stattfindet. Es zieht mehr als 4.000 Teilnehmer aus aller Welt  an, die ihre liebevoll restaurierten und polierten Liebhaber-Objekte aus dem ehemaligen Ostblock vor einer eindrucksvollen Besucherzahl präsentieren.

 

Öffnungszeiten

April Samstag und Sonntag 10:00-16:00 Uhr
Mai Mittwoch bis Sonntag 10:00-16:00 Uhr
Juni bis August Dienstag bis Sonntag 10:00-16:00 Uhr
September Mittwoch bis Sonntag 10:00-16:00 Uhr
Oktober Samstag bis Sonntag 10:00-16:00 Uhr

Adresse

Technik-Museum in Pütnitz
Flugplatzallee
18311 Ribnitz-Damgarten
+49 170 2235850
www.technikmuseum-puetnitz.de

 

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