Julia schrieb am 15. Dezember 2014

„Häuser sind nicht so wichtig wie Freunde“

Auf einen Schnack mit Hanni – der Besitzerin der Hafenkneipe „Zur Fähre“ in Stralsund

Hanni in ihrer Kneipe © Uwe Stahl

Hanni in ihrer Kneipe © Uwe Stahl

Hanni, die bekannteste Wirtin in Stralsund, hat damals ihr Herz an eine Kneipe verloren, die sie nun seit 15 Jahren betreibt. Die seit 1332 existierende Kneipe ist definitiv eine der ältesten in Europa und ganz sicher einen Besuch wert. Hanni erzählt leidenschaftlich von ihrem Beruf und von ihrer Liebe für die Menschen … Aber lest einfach selbst:

Du hast einen sehr guten Ruf in Stralsund und Umgebung. Und auch Besucher von weiter weg behalten dich in Erinnerung. Wie ist das Verhältnis – Stammgäste zu Gelegenheitsbesucher? Bzw. jung zu alt?
Im Winter dominieren eindeutig die Stralsunder. Im Sommer ist es 50/50. Das Spannende ist, dass sich die Gäste immer in Gruppen von Jung und Alt gemischt zusammen setzen. Seit 25 Jahren bin ich nun selbständig in der Branche und seit 42 Jahren überhaupt in der Gastro tätig. Also ich mache das wirklich mit Leidenschaft und es ist bisher immer so gewesen, dass Jung und Alt respektvoll miteinander umgehen. Ich gebe hier eine Plattform, wo sich Menschen kennen lernen, neue Netzwerke entstehen, und viele Emotionen einfach mit einfließen. Die Gäste kommunizieren hier untereinander, tauschen sich aus. Und das Handy wird eigentlich nur rausgeholt um Nummern auszutauschen, wenn mal wieder neue Kontakte geknüpft worden sind.

Wie würdest du dein eigenes Verhältnis zu den Gästen beschreiben?
Es ist ein sehr offenes Verhältnis. Als Wirtin bekomme ich viel von den Leuten mit, sie erzählen mir teilweise auch persönliche Dinge. Dazu muss man natürlich sagen: nach 1-2 Bier ist man auch „enthemmt“ oder „verzaubert“. Allerdings bleibt alles, was mir gesagt wird, auch bei mir. Ganz spannend ist noch, dass, wenn Leute hier rein kommen und in der Tür stehen, dann werden Sie begrüßt und ich schaue mit welchen Gästen die zusammenpassen könnten. Es ist nämlich so, dass es meistens keinen freien Tisch gibt und sich die Leute zusammensetzen müssen. Das klappt sehr gut. Der Höhepunkt dabei ist, wenn sie am Ende raus gehen und die Handynummer bzw. Kontaktdaten ausgetauscht haben. Das kommt sehr oft vor. Es ist wunderschön, wenn Gäste hier raus gehen und ein schönes Erlebnis gehabt haben!

Hannis Fähre © Andreas Stahl

Hannis Fähre © Andreas Stahl

Seit dem Sommer 2003 hast du deinen eigenen Kümmel. Wie und von wem wird das angenommen?
Ja, das stimmt. Du meinst das Fährwasser: ein 32-prozentiger Schnaps. Auf Rügen gibt es die erste Edeldestillerie in MV – und zwar in Lieschow. Die stellen das extra für die Fähre her. Das wird am Tisch zelebriert. Mit einem speziellen Flaschenaufsatz. Die Gäste an den anderen Tischen sehen das und sind dann oft neugierig und wollen probieren. Charakteristisch hier sind aber vor allem die Biere. Wir haben ausschließlich Biere von der Störtebeker Braumanufaktur. Unser Ansinn ist, dass das Produkt seine Qualität behält bis zum Gast. Ich achte schon darauf, dass meine Produkte möglichst hier aus der Region sind.

Wie siehst du die Entwicklung der Kneipe?
Persönlich denke ich nicht, dass sich da für die Kneipe groß was ändern wird. Mir liegt sehr viel an der Erhaltung von Traditionen. Ich finde es wirklich schlimm zu sehen, wie hier alte Häuser und Kneipen nach und nach alle saniert und umgebaut werden und wirklich große Teile von Tradition und Geschichte einfach unwiderruflich verschwinden.

Du hast eine Ausbildung zur Kellnerin gemacht und heute bist du selbständige Wirtin einer der ältesten Kneipen Europas. Kannst du uns ein bisschen darüber erzählen?
Ja, ich habe Kellnerin gelernt und dann meinen Meister gemacht. Jetzt in Stralsund oder besser gesagt hier in der Fähre habe ich das Gefühl, angekommen zu sein. Als hätte ich die ganze Zeit danach gesucht. Ich bin in meinem Leben 22 Mal umgezogen und habe mich 8 Mal gastronomisch verändert. Irgendwas hat mich immer getrieben, bis ich hier in der Fähre angekommen bin.

Hanni am Eingang ihrer Fähre © Andreas Stahl

Hanni am Eingang ihrer Fähre © Andreas Stahl

Außer der Fähre gibt es in Stralsund auch noch die Werkstatt (Disco) und den Goldenen Anker (Kneipe auf der Hafeninsel). Anker und Werkstatt sind das Filetstück der Stadt, das sich die Stralsunder geentert haben. Es wird fast ausschließlich von Stralsundern besucht. Die beiden Unternehmen gehören auch zur Familie. Ich habe die beiden mit aufgebaut. Mein Freund Adrian Butler betreibt noch beide, bald wird aber das Zepter weiter gereicht. Meine Tochter Franziska Höpner wird die Werkstatt nach ihren Ideen und Erfahrungen umgestalten und neue Frische rein bringen. Aber natürlich ohne dass die die Tradition verloren geht!

Die Fähre trägt ja den besonderen Ruf, einer der ältesten Kneipen Europas zu sein. Es gibt sie ja schon seit 1332. Wie, glaubst du, kann es sein, dass die Kneipe so lange Bestand hatte und weiterhin hat?

Die Fähre (rechts neben dem Tor) © Stadtarchiv Stralsund

Die Fähre (rechts neben dem Tor) © Stadtarchiv Stralsund

Ja, die Kneipe ist jetzt 682 Jahre alt und hat verschiedene Gesellschaftsformen überstanden. Ich denke es hängt mit der Tradition zusammen. Diese Kneipe hat eine Art Spirit. Die Atmosphäre in dem Raum hat sich über die Zeit entwickelt und ist zu dem geworden was es jetzt ist. Man kann nicht nachgestalten, es ist einzigartig. Diese Atmosphäre sorgt dafür, dass Leute aus jeder Gesellschaftsschicht hier zusammenkommen und sich zusammenfinden. Da spielt es keine Rolle ob man arm, reich, mit oder ohne Titel ist. Alle befinden sich hier auf einer Ebene und so gehen sie auch miteinander um. Das ist was ganz Besonderes.

Dass du keine Namen nennst, weiß ich. Aber mir ist natürlich nicht entgangen, dass Frau Merkel eine deiner Gäste ist. Das finde ich schon interessant.

Frau Merkel ist genauso Gast wie alle anderen. Aber es stimmt. Wir arbeiten hier nach dem Motto: Keine Namen, keine Zahlen. Also auch in Bezug auf das, was meine Gäste hier erzählen. Ich weiß viel, aber das Gesagte bleibt hier. Und ich denke, dass ist das Rezept für diese Kneipe.

Du bist auch sozial sehr engagiert und bist für viele Stralsunder charakteristisch für die Stadt. Kannst du dazu noch was sagen?

Ich wurde schon öfter angesprochen, ob ich doch nicht in eine Partei gehen möchte, aber ich mache meine eigene Politik hier in meiner Kneipe. Wichtig ist mir aber enkelfreundliches Handeln und nur Informationen zu vertrauen und weiterzugeben, die aus erster Hand kommen und nicht von Manipulation betroffen sind.

Was würdest du junge Leuten, die nach Stralsund bzw. zur Fähre kommen wollen, als Tipp mitgeben?

Die Region mit offenen Augen zu betrachten, also die Augen offen zu halten für kleine Dinge. Ich denke an meine Gäste, die teilweise als Student angefangen haben und heute fest im Job stehen, Geld verdienen etc. und ich sage denen: Denke an die Zeit zurück, in der du weniger Geld hattest. Da warst du trotzdem glücklich. Also die sollen nicht vergessen, dass es auch mit weniger geht. Autos und Häuser sind nicht so wichtig wie Freunde! Bei den Leuten allgemein ist es eine Tatsache, dass diejenigen, die im Job stehen, wenig Freizeit haben. In Stralsund haben sie aber den Urlaubsort und alle Möglichkeiten zur Erholung und Freizeitgestaltung vor Ort. Ich wünsche mir sehr, dass gerade junge Leute hier in der Region bleiben bzw. wieder zurückkehren. So haben sie in ihre Freizeit gleich ein Urlaubsfeeling. Ich appelliere an die Kreativität der Leute – sich hier einen eigenen Job zu verschaffen.

Nun will ich dir noch etwas verraten: In Kürze beabsichtige ich ein neues Projekt in Zusammenarbeit mit Birgit Schuster vom Puppentheater Schnuppe. Dabei werde ich für die Kinder der Gäste Puppentheater machen. Die Fähre ist die Bühne und die Puppe (in Lebensgröße) ist Hein Wellenschlucker – ein alter Seemann, der Seemannsgarn erzählt. Das ganze wird eine Serie – also vielleicht einmal im Monat. Das wird bestimmt lustig und lohnt sich garantiert für Jung und Alt.

Wollt ihr auch die ewig haltende Tradition und die liebevoll kecke Gastwirtschaft von Hanni erleben? Dann besucht Hanni in der Fährstraße 17 – jeden Tag ab 18 Uhr. Oder wart ihr schon einmal dort? Dann erzählt uns z.B. wie die 682 Jahre Tradition auf euch gewirkt hat.

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