Kurz vor Knapp: “Wir sind auf intakte Natur angewiesen”

Der Biologe Prof. Dr. Hans Dieter Knapp ist einer der Gründerväter der Nationalparks in Ostdeutschland. Zum 30-jährigen Jubiläum der Schutzgebiete haben wir ihn auf Rügen getroffen – und gefragt, wie damals alles anfing und was es heute noch zu tun gibt.

Geschützte Landschaften in MV: Das große Interview mit Biologe Prof. Dr. Hans Dieter Knapp

Herr Knapp, was macht die Landschaft auf Rügen so besonders, dass es mit dem Nationalpark und dem Biosphärenreservat gleich zwei große Schutzgebiete gibt?

Die Vielfalt der Landschaftsformen auf engem Raum: Jasmund ist zwar Deutschlands kleinster Nationalpark, mit seiner einzigartigen Landschaft, dem Dreiklang von Kreideküste, Wäldern und Wasser aber ein herausragender. Die Küstenwälder sind nie wirklich zur Holzgewinnung genutzt worden – sie sind zu steil, zu gefährlich. Und der alte Buchenwald zählt heute zum UNESCO-Weltnaturerbe. Das Biosphärenreservat Südost-Rügen wiederum ist eine alte Kulturlandschaft, im Wechselspiel von offenem Meer, von Land und Bodden. Sie  wird von Wind und Wellen und vom Menschen geformt.

Ganz früh morgens herrscht im Nationalpark Jasmund auf Rügen eine ganz besondere, fast mystische Stimmung

Ganz früh morgens herrscht im Nationalpark Jasmund auf Rügen eine ganz besondere, fast mystische Stimmung © TMV/Tiemann

Sie haben sich schon zu DDR-Zeiten für die Einrichtung von Naturschutzgebieten eingesetzt – 1990 war dann plötzlich ganz schnell möglich, was vorher jahrzehntelang nicht geklappt hat. Warum?

Es gab 1989 eine unglaubliche Aufbruchsituation, wir haben einfach die Gunst der Stunde genutzt. Vielen Menschen im Osten lag der Umweltschutz damals sehr am Herzen. Als Bürgerinitiative hatten wir im Dezember 1989 ein Konzept für den Müritz-Nationalpark geschrieben und darin auch weitere Landschaften aufgezählt, die im Sinne von Nationalparken entwickelt werden könnten. Im Januar 1990 rief der stellvertretende Umweltminister Michael Succow mich zu sich nach Berlin. Von einem Tag auf den anderen saß ich im Ministerium, um ein Nationalparkprogramm zu entwerfen.

Muss der Mensch die Natur vor dem Menschen schützen?

Wir sind auf intakte Natur angewiesen und müssen sie deshalb vor schädigenden Eingriffen durch den Menschen schützen. Das schließt eine Holzwirtschaft und Bodennutzung in Nationalparken aus. Nicht aber den Menschen, der die Natur erleben möchte. Ziel ist, dass sich die Natur möglichst ungestört entfalten kann.

 Viele Buchen an der Steilküste von Rügen sind über 300 Jahre alt – in Europa kann man nur noch wenige so alte Wälder erleben

Viele Buchen an der Steilküste von Rügen sind über 300 Jahre alt – in Europa kann man nur noch wenige so alte Wälder erleben © TMV/Tiemann

Inwieweit kann der Mensch der Natur beim Natursein helfen?

Indem er ihr Raum gibt – Schutzgebiete – und ihr Zeit lässt, sich ohne Lenken und Pflegen zu entfalten. Land- und Forstwirtschaft müssen berücksichtigen, dass sie mit lebendigen Systemen produzieren. Landschaften sind keine Fabriken.

Wie geht es weiter mit dem Nationalpark und dem Biosphärenreservat?

Natur hat Zeit und nimmt sie sich. Die Wunden früherer Holzwirtschaft im Nationalpark werden mit der Zeit verheilen. Der hohe Wildbestand muss weiter reguliert werden. Weiteres Personal zur Besucherbetreuung ist dringend notwendig. Das Biosphärenreservat könnte man gut vergrößern. Ich fände es sinnvoll, ganz Rügen als Biosphärenreservat zu entwickeln.

Professor Hans Dieter Knapp ist Rüganer – und einer der Gründerväter des Nationalparks Jasmund

Professor Hans Dieter Knapp ist Rüganer – und einer der Gründerväter des Nationalparks Jasmund © TMV/Tiemann

Prof. Dr. Hans Dieter Knapp

ist Geobotaniker und Landschaftsökologe. Der Wissenschaftler und Umweltschützer, Jahrgang 1950, lehrte an der Uni Greifswald Landschaftsökologie und leitete 25 Jahre die Internationale Naturschutzakademie des Bundesamtes für Naturschutz auf der Insel Vilm.

Nationalpark Jasmund und UNESCO-Biosphärenreservat Südost-Rügen

Sehnsuchtsziel für Naturliebhaber – Blick von den Kreidefelsen an der Nordostküste Rügens

Sehnsuchtsziel für Naturliebhaber – Blick von den Kreidefelsen an der Nordostküste Rügens © TMV/Tiemann

Zum 3.000 Hektar großen Nationalpark Jasmund auf Rügen gehören die berühmten Kreidefelsen mit den Aussichtspunkten Königsstuhl und Viktoriasicht, außerdem die Stubnitz mit den zum UNESCO-Weltnaturerbe zählenden Buchenwäldern sowie ein 500 Meter breiter Meeresstreifen vor der Küste.

Das Biosphärenreservat Südost-Rügen ist rund 23.000 Hektar groß und spiegelt auf kleinstem Raum alle Landschafts- und Küstenformen des dortigen Küstenraumes wider. Es umfasst den Südosten der Insel als auch Meeresteile, Boddengewässer und die Insel Vilm. Auf zahlreichen Wander- und Radrouten lässt sich die Landschaft auf eigene Faust entdecken und erleben. Mehr über die Natur der Region erfährt man im Nationalpark-Zentrum Königsstuhl, bei Ranger-Touren durch das Biosphärenreservat und im 2019 erneuerten Infozentrum beim Jagdschloss Granitz.

Mehr lesen

Mehr Informationen zu Rügen, sowie den Nationalparks findet ihr auf der Seite von Rügen direkt und eine große Übersicht zu Nationalparks, Biosphärenreservate und Naturparks zwischen Ostsee und Seenplatte findet ihr auf der Seite zu den geschützten Naturlandschaften in Mecklenburg-Vorpommern.

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