Anja schrieb am 14. August 2015

Fährwellensurfen auf der Ostsee

 Warst du schon mal in Warnefornia?

Surfen nach Fahrplan: Wozu in die Ferne schweifen, wenn das Gute doch so nah liegt? In Warnemünde stellen sich Wassersportler einfach die Uhr und folgen den Bugwellen zweier alter Fährschiffe aus Dänemark. Unsere Reisebloggerin Anja mischte sich unters Surfvolk und probierte dieses einzigartige Spektakel aus.

Fähwellensurfen Warnemünde © TMV happybackpacker.de

Fähwellensurfen Warnemünde © TMV happybackpacker.de

Wellen surfen auf der Ostsee? Wie soll das denn bitteschön gehen? Ich hatte schon ein paar Mal davon gehört, aber konnte es mir irgendwie nicht richtig vorstellen. Ziehen sich da ein paar Lebensmüde direkt hinter der Schiffschraube wie beim Wasserski hinter der Heckwelle hinterher? Wird man da nicht überfahren? Ich hatte etwas verquere Vorstellungen vom Wellenreiten in der Ostsee. Wohl einzigartig in der Welt können Surfer den Swell in Warnemünde auf die Minute genau takten und lauern den Wellen im Wasser. Swell ist dabei kein neuer Hipsterbikini, sondern bezeichnet die ankommenden Wellen.

Wie geil ist das denn, dachte ich mir und beschloss spontan, den Spaß unbedingt einmal ausprobieren. Also marschierte ich eines warmen Nachmittages am zu DDR-Zeiten legendären Warnemünder Hotel Neptun vorbei, folgte dem fettigen Broilerduft des darunterliegenden Restaurants und bog am Strandaufgang 11 Richtung Ostsee ab. Die wehenden Fahnen vor dem Supreme Surf Beachhouse flatterten bunt in der Luft und wiesen mir den Weg. Neoprenanzüge hingen auf einer Wäscheleine und tropften auf den weißen Ostseesand. Einige Surfer oder solche die es noch werden wollen – der Unterschied bestand eigentlich nur zwischen einer tiefen Hautbräune mit sonnengebleichtem Haar versus mehlig-weißen Neulingen – lümmelten in den Liegestühlen, träumten wahrscheinlich von den großen Wellen Hawaiis und lauschten den obligatorischen Reggae-Tönen aus tiefen Bässen zu. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, dass Reggae-Musik und Beachbars zusammengehören wie sonst nur Butter zu Stulle, notierte ich mir für den Fall, dass ich auch einmal eine solche Bar an einem Traumstrand aufmachen will, um nie wieder in einem langweiligen Büro sitzen zu müssen.

Fähwellensurfen © TMV happybackpacker.de

Fähwellensurfen © TMV happybackpacker.de

 

California meets Warnefornia

Ein Zaun aus bunten Surfbrettern türmte sich an den Seiten der Bar auf und ein Hauch von kalifornischem Flair wehte mir ins Gesicht. „Warnefornia mausert sich,“ rief mir lachend ein sexy Surfer entgegen, als ich den Vergleich – kreativ wie ich bin – bemühte.

Ich wurde meinem Surflehrer René vorgestellt, und obwohl ich beteuerte bereits surfen zu können, sollte ich noch einmal zur Sicherheit einen kurzen Einführungskurs belegen. Werden die zu erwartenden Wellen denn mehrere Meter hoch sein, fragte ich etwas naiv, doch Ordnung muss sein. Artig quetschte ich mich in meinen Neoprenanzug und lernte das kleine Einmaleins des Wellenreitens: Wie stehe ich auf, welche Windbedingungen müssen vorherrschen und wie suche ich mir ein passendes Brett aus. René schaute mich immer wieder strafend an, denn leider glänzte ich durch technische Unwissenheit und versuchte, mein schönstes Lächeln aufzusetzen. Alle Charmeoffensiven meinerseits halfen nichts. Ich hatte mich dadurch ins Surferabseits geschossen und René mich in die Wannabe-Surferin-Ecke gesteckt, aus der ich mich nur durch grandiose Turns auf dem Wasser wieder herausziehen könnte. Wir wussten beide, dass dies nicht der Fall sein würde und kleinlaut folgte ich seinen Ausführungen.

 

Surflehrer Rene @ Supreme Beachhouse Warnemünde © TMV happybackpacker.de

Surflehrer Rene @ Supreme Beachhouse Warnemünde © TMV happybackpacker.de

Ich lernte zum Beispiel auch, dass nur die alten Fähren der Scandlines-Flotte über eine alte Schiffschraube verfügen, die hydrodynamisch ungünstig gebaut sei und derartige Wellen verursachen. Besonders wenn die Fähren gut geladen sind, sollen sie wohl ordentliche Welle machen.

 

Scandlines Fähre ©  TMV happybackpacker.de

Scandlines Fähre © TMV happybackpacker.de

Wellengarantie 365 Tage im Jahr

Nach einer halben Stunde blickte René angestrengt auf den Horizont, an dem eine riesige Fähre herrschaftlich in den Warnemünder Hafen einfuhr und rief mir zu, mich fertig zu machen. Denn in Warnemünde sorgen keine Riffe oder Wetterkapriolen für die starke Brandung im Stundentakt, sondern der 29.900 PS-starke Motor der „Prins Joachim“ der Scandlines-Flotte. Alle zwei Stunde fährt die Fähre vom dänischen Gedser ins beschauliche Rostock und bringt nicht nur Touristen sondern auch eine beeindruckende Welle mit sich.

Kaum war die Fähre hinter der Mole verschwunden, fing das eben noch glatt gebügelte Wasser der Ostsee an zu tosen. Immer größer werdende Wellen schwappten an Land. Ich schnappte mir mein Board und lief René hinterher ins kühle Nass. Rund zehn Meter vom Strand entfernt, legte ich mich aufs Board, paddelte eine Welle an, kam ins Gleiten, versuchte aufzustehen und wurde von der Kraft der Wellen mitgerissen. Wackelnd stand ich auf, nur um sofort ins Wasser zu fallen.

Anja beim Surfen ©  TMV happybackpacker.de

Anja beim Surfen © TMV happybackpacker.de

Hinter mir paddelte ein Stand-up-Paddler und manövrierte sich grazil durch die Wellen. Easy peasy als würde er an Land stehen, drehte er sich beim Wellenritt auf seinem Board um und machte einen Kopfstand darauf. Während ich versuchte mich durch die Strömung zu kämpfen und auf der Höhe von Strandaufgang 11 zu bleiben. Ich hatte nicht mit der Kraft der Strömung in der sonst so ruhigen Ostsee gerechnet. Immer wieder kämpfte ich mich nach jeder Welle zurück an meinen Spot und René zeigte mir aufgeregt an, wo ich mich wie in Windeseile zu positionieren hätte. Ich pfiff aus dem letzten Loch und wollte mich nur noch ausruhen, aber „bei den Wellen in Warnemünde muss man schnell sein,“ rief mir René zu. Und unheimlich fit, fügte ich mit Blick auf seine beeindruckende Muskeln in Gedanken hinzu.

Nach gut zwanzig Minuten war der Spuk vorbei und die Ostsee beruhigte sich genauso schnell wie die Wellen angefangen hatte. Ich strahlte über das ganze Gesicht als ich wieder zurück an den Strand lief und fühlte mich großartig. Ich schüttelte mir das Salzwasser aus den Haaren und setzte mich an die Strandbar. Schnell kam ich mit den anderen ins Gespräch und redete mit den anderen Chillern über das gute Gefühl „danach“. Ich kam mir vor wie einer der ihrigen. In zwei Stunden würde die nächste Fähre einfahren.

 

SUP Kopfstand ©  TMV happybackpacker.de

SUP Kopfstand © TMV happybackpacker.de

Fans aus aller Welt

Inzwischen locken das Warnemünder Fährwellensurfen Fans aus der ganzen Welt an. Warum ist schnell erklärt: Die Scandline-Fähren fahren alle zwei Stunden von 8 Uhr 30 bis 22 Uhr 30 und bei Windstille oder leicht ablandigen Wind türmen sich die Wellen bis zu anderthalb Metern auf – und zwar nach genauem Zeitplan. Fünfzehn Minuten vor jeder Ankunft der Fähren heißt es am Warnemünde Beach: Surf’s up. Allerdings müssen Surfwillige schnell sein, denn langfristig wird die Reederei die alten Fähren durch moderne Schiffe ersetzen, da beide Schiffe bereits mehr als dreißig Jahre auf dem Buckel haben.

 

Fähwellensurfen auf der Ostsee ©  TMV happybackpacker.de

Fähwellensurfen auf der Ostsee © TMV happybackpacker.de

So geht’s:

Die Wellen kommen alle zwei Stunden an den Strand gerollt. Die Wellen dauern immer nur ein paar Minuten an. Bei scandlines.de erfährst die genauen Zeiten.

Einfach bei supremsurf.de fragen. Strandaufgang 11 – vorm Hotel Neptun in Warnemünde.

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