Hugo schrieb am 18. Mai 2016

Kiten lernen in 4 Tagen

Bei dem derzeitigen tollen Sommerwetter an der Ostsee kannte unsere Reisebloggerin Anja nur ein Ziel: Raus ans Wasser und Kiten lernen. Ein Erlebnisbericht über einen Kitelehrgang in Mecklenburg-Vorpommern zwischen Erfolg und Bauchlandung, Hoffen auf Wind und Schlossherrin spielen.

„Warum haben Surfer eigentlich immer lange, blonde Haare?“ Gibt es da einen Zusammenhang zwischen Coolness, Talent und salziger Meeresluft? Schon vor langer Zeit entwickelte ich meine Theorie, um dieses lässige Völkchen einzuordnen, denn Schubladen geben bekanntlich Sicherheit. Trotzdem war ich überrascht, als während meines Kitesurfkurses am Saaler Bodden bei den Jungs vom Supreme Surfbus jemand diese Frage stellte. Und eine verblüffend simple Antwort erhielt:

„Die langen Haare helfen uns bei der richtigen Einschätzung der Windrichtung,“ lachte uns Andy schelmisch an, der mit seinen blonden, welligen Haaren und braungebranntem Gesicht wie der Prototyp eines Surfers aussah und mein Surflehrer war.

Das klang einleuchtend und ich ließ meine dunkle Mähne im Wind fliegen – schließlich hatte ich viel vor: Innerhalb der nächsten vier Tage sollte aus mir eine waschechte Kiterin werden.

Surflehrer Andy

Surflehrer Andy © TMV/happybackpacker.de

Der Saaler Bodden ist so etwas wie der Heilige Graal der Kiter, Windsurfer und besonders solchen, die es werden wollen. Der Bodden bildet zusammen mit dem Ribnitz See auf 80,5 km² die größte Wasserfläche der Fischland-Darß-Zingster Boddenkette und ist an seiner tiefsten Stelle nicht einmal vier Meter tief. An den meisten Orten stand ich allerdings nur hüfttief im Wasser, ideale Voraussetzungen also, um Wind- und Kitesurfen zu lernen.

 

Wo genau liegt der Surfbus eigentlich?

Zwischen Ribnitz-Damgarten und Barth, nahe dem Örtchen Saal, finden Surfliebhaber seit 2009 den knallroten Doppeldeckerbus von Supremesurf. Jedes Jahr während der gesamten Wassersport-Saison von April bis Oktober ist der Bus DER Anlaufpunkt in der Region für Einsteiger und Fortgeschrittene, da der Spot bei fast jeder Windrichtung gesurft werden kann.

Surfbus von Supremesurf am Saaler Bodden © TMV/happybackpacker.de

Surfbus von Supremesurf am Saaler Bodden © TMV/happybackpacker.de

Weitläufige Aufbaubereiche, brandneues Leihmaterial und bei Bedarf Toiletten, Strom, Wasser und eine Jacuzzi laden zum Chillen ein. Lange nachdem der Kurs vorbei war, genoss ich die Stille, sog die frische Luft ein und sah mich an den saftigen Rapsfeldern satt. Claas, der Betreiber des Surfbusses, schaute ab und zu nach dem Rechten und strahlte eine Ruhe und Zufriedenheit aus, die mich fast ein wenig wehmütig werden ließen. Er erzählte mir, dass er vor ein paar Jahren keine Lust mehr auf die Enge eines dunklen Bürojobs gehabt hatte und sich dazu entschloss, sein Hobby zum Beruf zu machen. Insgeheim bewunderte ich seinen Entschluss und nahm mir vor, in Zukunft besser auf meine Wünsche zu hören.

 

Das Kitesurf-Einsteigercamp – 5 Tage intensives Training

Doch bevor das Projekt Lebensumstellung ansteht, wollten die Jungs von Supremesurf erst einmal eine Kitesurferin aus mir machen. Im Surfbus werden Kurse für Einsteiger, Fortgeschrittene und Könner angeboten, und ich entschied mich für das viertägige Kitesurf-Einsteigercamp. Eigentlich bietet Supremesurf fünftägige Kurse für 299,- € an, in denen maximal vier Teilnehmer pro Lehrer in 15 Stunden lernen, die ersten Meter selbst fahren zu können. Ich hatte allerdings nur vier Tage, also 12 Stunden Zeit, doch das sollte reichen, um die Kitekontrolle, den Wasserstart sowie den Bodydrag zu lernen – wie mir Andy optimistisch versicherte.

 

Tag 1 – Trockenübung an Land

Der erste Tag stand völlig im Zeichen der Sicherheit. Andy erklärte uns das Safety First Training, die Fachbegriffe sowie Windkunde und schulte uns am Trainerkite, einer sogenannten Lenkmatte. Dieser kleine Übungskite sorgt für einen optimalen Lernerfolg an Land, ohne dass ich meterweit durch die Taiga mitgeschliffen wurde, da der Drache weniger Power als ein echter Kite hat.

Geduldssport-Kiten

Geduldssport-Kiten © TMV/happybackpacker.de

Als nächstes stand der Kiteaufbau und die Kitekontrolle an und völlig überfordert von den vielen neuen Begriffen, verhedderte ich permanent die Leinen oder trat aus Versehen auf Dinge, die supersensibel sind. Neidisch schaute ich auf die anderen Teilnehmer im Kurs, die ihren Drachen flogen, als hätten sie seit Kindheitstagen nichts anderes getan. Doch Andy beruhigte mich, dass ich mich nicht unter Druck setzen und immer schön langsam und geduldig lenken sollte.

„Kiten ist ein Geduldssport.“

 

Tag 2 – Raus aufs Wasser

Am zweiten Tag stand ich voller Vorfreude am Surfbus und konnte es kaum abwarten, endlich ins Wasser zu kommen – auch wenn mich die 10 Grad Wassertemperatur abschreckten. Verzweifelt probierte ich mehrere Neoprenanzüge übereinander an, und um ganz sicher zu gehen, zog ich auch noch eine dicke Neoprenjacke an. Schwerfällig lief ich Richtung Wasser und kam mir vor wie ein Pinguin an Land. Jeweils zwei Kursteilnehmer teilten sich einen Kite und da wir blutige Anfänger waren, starteten wir den Kite im Wasser. Daher wanderten wir mit Kite, Lenkstange und Boje ein paar hundert Meter raus auf den Bodden.

Die Bar in der Hand watete ich den anderen und dem großen Kite hinterher in den Saaler Bodden, spürte die Last der 3 Neoprenanzüge und zog gefühlt einen ganzen Panzer durch den sandigen Untergrund im Wasser. Trotz kleiner Schwächeanfälle genoss ich es, den Wind in meinen Haaren zu spüren und den sanften Geräuschen des plätschernden Wassers zu lauschen. Ich war zwar noch weit davon entfernt, eine richtige Kiterin zu sein, aber fühlte mich dennoch bereits als Teil der Community.

Erste Kiteübungen im Wasser

Erste Kiteübungen im Wasser © TMV/happybackpacker.de

Im Wasser zogen wir den Kite in die Luft, manövrierten ihn von einer imaginären Uhr in der Luft von 10 Uhr auf 2 Uhr und wieder zurück. Als diese Schritte saßen, ging es an die ersten Wasserstartversuche und den Bodydrag – ein Manöver, bei dem der Surfer vom Kite durch das Wasser gezogen wird und dabei den Drachen nach links und rechts lenkt. Ich flog im Wasser umher als säße ich in einer Pferdekutsche. Ich fand das ziemlich amüsant und ließ mich lachend durch den halben Saaler Bodden ziehen. Weniger amüsant war dann das mühsame Zurücklaufen.

 

Tag 3 – Wasserstarttraining

Wasserstarttraining, Boardkontrolle und erste Meter fahren waren am dritten Tag das Lernziel. Allerdings war ich vom Vortag lahm und hatte Mühe, in meine vielen Lagen Neoprenanzug hineinzuschlüpfen. Ich spürte Muskeln, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie hatte und die steifen Neos schnürten mich derart ein, dass ich mich kaum bücken konnte. An jenem Tag hatte Andy seinen freien Tag und Tino sprang ein, ein frecher norddeutscher Jung‘ mit einer unfassbaren Engelsgeduld. Er riet mir, besser eine Stunde nur mit einem Neoprenanzug herauszugehen als mit den vielen Lagen wie eine Boje im Wasser zu treiben und kaum beweglich zu sein. Und er sollte Recht behalten.

Von Natur aus misstrauisch und eine absolute Frostbeule entschied ich mich jedoch gegen den Rat der Profis und für meine drei Neos. Ich hielt den Kite zwar in der Luft auf 12 Uhr, so wie Tino das gerne wollte, aber konnte das Board weder greifen noch gleichzeitig unter meine Füße bringen. Unfähig mich zu bewegen trieb ich auf dem Wasser und versuchte und versuchte und versuchte den Wasserstart. Tino wurde nicht müde mir zu erklären, was ich zu tun hatte und hielt mir das Board, doch es klappte einfach nicht.

Starttraining

Starttraining © TMV/happybackpacker.de

„Das liegt an den vielen Neos,“ war sich Toni sicher, am letzten Tag würde ich mit nur einem Neo sehen, wie einfach ich das auf die Reihe bekommen würde. Peinlich berührt von so viel positivem Optimismus in meine Fähigkeiten nahm ich mir für den folgenden Tag vor, endlich meine Zähne zusammenzubeißen und ein paar Frostbeulen auszuhalten – wie alle anderen schließlich auch.

 

Tag 4 – kein Wind, was nun?

Kitesurfen ist nun mal eine Sportart, die von vielen Faktoren abhängig ist. Wenn der Wind von der falschen Richtung weht oder er nicht stark genug ist, dann ist Däumchen drehen angesagt. Denn es bringt absolut nichts, raus zu gehen und stundenlang zu versuchen den Kite aus dem Wasser zu starten.

Am vierten Tag herrschte zwar strahlender Sonnenschein am Saaler Bodden, aber die Flaggen am Surfbus hingen traurig am Mast herunter. Absolute Windstille.

Somit schien mein Plan, endlich auf dem Board zu stehen in weiter Ferne gerückt zu sein und etwas enttäuscht saß ich unschlüssig am Surfbus herum.

Damit erst gar keine Enttäuschung aufkommt, bietet Supremesurf allerdings ein umfangreiches Wassersportangebot mit Windsurfbrettern und Stand Up Paddle Boards als Alternativprogramm an. Ebenso kann die nahegelegene Wasserskiseilbahn in Körkwitz ausprobiert werden und zwar kostenfrei an windlosen Tagen für Kitesurfcamp Teilnehmer.

SUPen und Windsurfen mit Supremesurf

SUPen und Windsurfen mit Supremesurf © TMV/happybackpacker.de

Ich entschied mich allerdings, den Tag an einem der vielen schönen Strände der Ostsee ausklingen zu lassen, um meine müden Muskeln ordentlich in der Sonne zu erholen und im Geiste noch einmal alle Moves durchzugehen.

Aus mir wurde zwar innerhalb von 4 Tagen keine Vollblut-Kitesurferin, aber ich war angetan vom Sport, Lifestyle und der Community. Ich bleibe am Ball beziehungsweise Kite.

 

Surfer übernachten im Schloss

Standesgemäß können Kitesurfer im 15 Minuten entfernten Schloss Wiepkenhagen übernachten. Das Schloss ist ein Sommerschloss und nur von Mai bis September geöffnet, da keine Heizung vorhanden ist. Anfang Mai war ich Erstbezieherin im Jahr 2016 und sozusagen alleinige Schlossherrin für drei Nächte.

Schloss Wiepkenhagen

Schloss Wiepkenhagen © TMV/happybackpacker.de

Was anfangs spannend und mondän klang, machte mir vor Ort erst einmal reichlich Angst, als ich mir über das Ausmaß meiner Entscheidung bewusst wurde, mutterseelenallein auf einem riesigen, alten Schloss mit knarzenden Türen zu nächtigen. Vielleicht war es doch keine gute Idee, die Woche zuvor sechs Folgen American Horror Story hintereinander zu schauen, ging mir beim Einchecken durch den Kopf.

Doch nach einem Tag voller Bewegung, viel frischer Luft und noch viel mehr Action schlief ich wie ein Baby auf Schloss Wiepkenhagen.


Surfbus Supremesurf Saaler Bodden
Am Bodden
18317 Saal
Telefon: 0381 46077071

Die Surfschule befindet sich in Saal auf der Wassersportwiese. Das Parken kostet 4 € pro Auto und Fahrer und 2 € für jede weitere Person am Tag.

 

Schloß Wiepkenhagen (Surfhostel)
Wiepkenhagen
18320 Trinwillershagen

 

Mehr zum Thema Kiten und die Kiteschulen in Mecklenburg-Vorpommern an der Ostsee findet ihr hier: Kiten jetzt!

Merken

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


//MVnow