Anja schrieb am 19. Juni 2015

Umweltfotofestival Zingst: 3 Tage Eintauchen in die Fotowelt

Anja in MV

Ich beim Umweltfotofestival Zingst (c) TMV/Anja Knorr

Ich beim Umweltfotofestival „horizonte“ in Zingst (c) TMV/Anja Knorr

„Ein gutes Bild muss weh tun.“ [Norbert Rosing, Schirmherr des diesjährigen Umweltfotofestival »horizonte zingst« im Ostseeheilbad Zingst]

Bis zu meinem ersten Workshop hatte ich keine Ahnung, was ein Fotograf mit dieser Aussage meinen könnte. Klar fotografiere ich als ambitionierte Hobbyfotografin gerne und viel, doch warum man beim Fotografieren an seine körperlichen Grenzen stoßen sollte, erschloss sich mir nicht ganz. Ich saß im Seminarraum der Fotoschule Zingst und lauschte den Tipps des Profis Timm Allrich, der mir mit rund zehn anderen Seminarteilnehmern den Weg zu besseren Bildern erklären wollte. Wir sollten richtiges Sehen lernen, unsere kreativen Ideen freien Lauf lassen und vor allen Dingen bombardierten wir den armen Kerl mit Fragen zum richtigen Umgang mit unseren Kameras und deren optimalen Möglichkeiten. Wir lernten, dass das Fotografieren ein Prozess ist und panisches Drauflos-Knipsen und Hoffen, dass am Ende schon ein nettes Foto entsteht, nichts mit dem Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten zu tun hat. Ein guter Fotograf würde Wichtiges von Unwichtigem trennen und fokussiert sich auf einige wenige, sehr gute Bilder, so Tim Allrich.

Foto Workshop Day 1 beim Umweltfotofestival in Zingst (c) TMV/Anja Knorr

Foto Workshop Day 1 beim Umweltfotofestival in Zingst (c) TMV/Anja Knorr

Hielt ich früher die richtige Nutzung einer Spiegelreflexkamera für Teufelswerkzeug, stellte sich im Verlauf des Tages heraus, dass viele technische Spielereien unnützes Beiwerk sind. Timm und diverse andere Fotografen stellten im Verlauf des Fotofestivals immer wieder die folgenden Grundregeln auf, auf die sich ein Fotograf zu konzentrieren hätte:

•    Kenne ich das Terrain und wenn ja, brauche ich spezielle Ausrüstung?
•    Habe ich eine Bildidee in meinem Kopf formuliert?
•    Als gestalterische Mittel reicht es völlig aus, den Fokus, die Zeit zur Belichtung, die Blende sowie die ISO-Zahl einzustellen

Wähle ich dann noch eine ungewöhnliche Perspektive, kann eigentlich nichts mehr mit dem perfekten Bild schiefgehen. Wieso die meisten Spiegelreflexkameras mit derart vielen Knöpfen, Möglichkeiten und einschüchternd langen Gebrauchsanweisungen auf den Markt kommen, verstand ich nach dem Kurs noch weniger als sonst.

Ungewöhnliche Perspektiven und Ideen machen ein Bild erst so richtig sehenswert (c) TMV/Anja Knorr

Ungewöhnliche Perspektiven und Ideen machen ein Bild erst so richtig sehenswert (c) TMV/Anja Knorr

Gebannt lauschte ich dem Experten und konnte es wie ein Pferd an der Startposition auf einer Rennbahn gar nicht abwarten, bis wir endlich an den Start durften, um  unser soeben erlerntes Wissen anzuwenden.

Wie es sich für angehende Landschaftsfotografen gehört, folgten wir dem Ruf der Natur und wie die Motten ums Licht kreisen, zog es unsere Gruppe direkt an den Strand. Die Ostsee lag vor uns als ein übergroßer, ruhiger See und der kalte Wind peitschte uns um die Ohren. Timm gab im Abstand einer halben Stunde Anweisungen und die Hobbyfotografen warfen sich in den Sand und umlagerten raubtierartig das jeweilige Objekt der Begierde. Wir probierten verschiedene Filtermöglichkeiten zur besseren Licht-und Farbkontrolle aus und ich war besonders von dem Rotfilter begeistert. Wir fütterten Möwen an und umzingelten ihr Mittagsmahl wie die Paparazzi.

Der Rotfilter hat es mir besonders angetan (c) TMV/Anja Knorr

Der Rotfilter hat es mir besonders angetan (c) TMV/Anja Knorr

Irgendwann wurden die Stative in der zwölf Grad kalten Ostsee aufgebaut, ich krempelte meine Hosenbeine hoch und platschte in die kalten Fluten. Nach zehn Minuten spürte ich meine Füße kaum noch und bemerkte, dass ich aus Versehen auch noch meinen Hintern in das kalte Wasser gehangen hatte, als ich aus einer besonders niedrigen Position ein Foto einer Welle schießen wollte. Ich fror am ganzen Körper, doch was ein echter Fotograf ist, hört nicht eher auf, bis das perfekte Foto im Kasten ist. Wie war das noch mal: „Ein gutes Foto muss weh tun? Versteh schon!“

Für ein gutes Foto geht's auch schon mal in die kalte Ostsee (c) TMV/Anja Knorr

Für ein gutes Foto geht’s auch schon mal in die kalte Ostsee (c) TMV/Anja Knorr

Der Name kommt nicht von ungefähr

Beim Schlendern an der Strandpromenade Zingst wurde mir auch klar, warum dieses Festival mit Besuchern aus der ganzen Welt ausgerechnet im abgelegenen Kurort im mittlerweile achten Jahr ausgetragen wird. Die wunderschöne Natur der Ostsee ist allgegenwärtig. Die Anbindung zum Nationalpark und die landschaftlichen Besonderheiten zwischen Ostsee und Bodden ergeben eine unerschöpfliche Motivwelt für Fotografen und Künstler. Daher wurde Zingst nicht zufällig als Austragungsort des Umweltfotofestivals »horizonte zingst« ausgewählt.

Wie der langjährige  Kurator des Festivals, Klaus Tiedge, betont, bietet Zingst durch die „Akzentuierung  auf die Natur der Boddenlandschaft und seine Fokussierung auf Nachhaltigkeit beste Möglichkeiten“ Themen wie den Artenschutz zu kommunizieren. Laut Tiedge hilft die positive Darstellung der Großartigkeit der Natur durch die Fotografie die Liebe zur Natur zu fördern. Und dadurch die Natur letzen Endes zu bewahren – Stichwort Umweltschutz.

Tolle Lichtstimmung über der Ostsee am Strand von Zingst (c) TMV/Anja Knorr

Tolle Lichtstimmung über der Ostsee am Strand von Zingst (c) TMV/Anja Knorr

Young Professionals

Bei all den ernsten Themen beim Umweltfotofestival hatte ich zunächst Bedenken, den Altersdurchschnitt durch meine Anwesenheit kräftig nach unten zu korrigieren. Doch Schubladendenken hat in der Kunst nichts zu suchen. Schließlich holt das internationale Studentenprojekt Young Professionals in Kooperation mit der STP Galerie Greifswald seit Jahren Studenten aus aller Welt nach Zingst, um junge Künstler zu fördern. Dieses Jahr arbeiteten sie in diversen Workshops zum Thema „Sea Of Light“ und stellten anschließend die Ergebnisse ihrer künstlerischen Arbeiten aus. Dieses Jahr kamen die Studenten aus Estland, der Burg Giebichenstein in Halle und den Niederlanden, die mit Nick Simonis auch den Gewinner der Kooperation stellen konnten.

Damit ihr einen Eindruck bekommt, habe ich ein paar Eindrücke mit der Videokamera eingefangen und mit einem der Young Professionals gesprochen:

Weitere Ausstellungen – Handimals von Guido Daniele

Handimals von Guido Daniele auf dem Umweltfotofestival Zingst (c) TMV/Anja Knorr

Handimals von Guido Daniele auf dem Umweltfotofestival Zingst (c) TMV/Anja Knorr

Eine großartige Ausstellung in Zingst während des Festivals waren die sogenannten Handimals von Guido Daniele. Er malt Tierportraits auf menschliche Hände, um auf bedrohte Tierarten aufmerksam zu machen und trägt sozusagen die Natur in seinen Händen. So wie wir alle. Das fand ich ziemlich clever und war mein absolutes Highlight des Festivals.

GEO präsentiert: Arche Tier – Die letzten ihrer Art

Geo präsentiert: bedrohte Nutztierrassen auf dem Umweltfotofestival Zingst (c) TMV/Anja Knorr

Geo präsentiert: bedrohte Nutztierrassen auf dem Umweltfotofestival Zingst (c) TMV/Anja Knorr

Daneben wurden überall in Zingst Bilder von alten Nutztierrassen ausgestellt, die in der modernen Landwirtschaft keinen Platz mehr haben. Kaltblut-Pferde, Poitou-Esel, Diepholzer Gans – sie alle sind vom Aussterben bedroht.

Bilderflut am Strand

Abendliche Bilderflut am Zingster Strand (c) TMV/Anja Knorr

Abendliche Bilderflut am Zingster Strand (c) TMV/Anja Knorr

Ein Highlight des Festivals ist die allabendlich Bilderflut auf der XXL-Leinwand am Zingster Strand an der Seebrücke. Sobald es dunkel wird ab 22 Uhr fanden sich warm eingepackte Besucher am Strand ein, heizten sich mit einem Gläschen Wein ein und genossen die eingespielten, mit Musik unterlegten Bilder. Die Kulisse der Strandbar erinnerte eher an Südsee und Aloha-Feeling als an raue Ostsee-Luft, das kann aber auch an meinem zweiten Glas Wein gelegen haben. 😉

Wie ist es mit euch? Wart ihr auch schon mal beim Umweltfotofestival in Zingst? Oder habt ihr jetzt erst richtig Lust bekommen?

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